Pawel Lubarski

Maschinenbauingenieur, Berlin

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Man muss sich bewusst sein, was einen zu einem Juden macht. Für mich ist das die jüdische Tradition, die Thora, der Glaube an Gott und die alltäglichen Dinge, die man macht. Übersetzt auf Hebräisch heißt Glaube „Emunah“ und stammt aus dem Verb „lehit’amen“ – üben. Wir müssen also immer üben, um „gläubig“ zu sein. In die Synagoge kommen, Fehler machen und diese bereuen, Fragen stellen und mit anderen Juden diskutieren, das Leben in der Gemeinschaft führen. Das Gemeinschaftsgefühl ist sehr wichtig bei den Juden.

Pawel Lubarski
Pawel Lubarski
Pawel Lubarski
Gebet und Tefillin zeichnen einen Juden aus, wie auch viele andere kleine Dinge des Alltags.

Mein Großvater hat seinen Namen von Baruch Abramowitsch Lubarski zu Boris Alexandrowitsch Lubarski ändern lassen, damit seine Tochter nicht unter antisemitischen Vorurteilen zu leiden hat. 

Die Unterdrückung der Juden in der Sowjetunion hat sich graduell verändert. Meine Großeltern konnten nach dem Krieg in der der Sowjetunion noch ohne Probleme studieren, während meine Tante sechs Jahre lang nicht an der Universität zugelassen wurde, weil sie Jüdin war. Und dass wir Juden waren, wurde aus dem Eintrag in die Geburtsurkunde oder im Ausweis ersichtlich.

Anfang der 1990er Jahre verschwand dann der institutionelle Antisemitismus langsam und viele jüdische Organisationen kamen aus den USA und Israel in die Ukraine und bauten jüdische Kultur- und Jugendzentren auf.

Als ich die Schule gewechselt habe und meine Geburtsurkunde mitbringen musste, habe ich das erste Mal mitbekommen, dass ich Jude bin. Allerdings hat das noch nicht viel für mich bedeutet. Der eine war Russe, der andere Ukrainer und ich eben Jude. Ich hatte auch nie Probleme in der Schule wegen meiner Nationalität.

Dass ich Jude bin, hat erst eine Bedeutung bekommen, als ich in die neuen jüdischen Kulturzentren oder den Jugendclub gegangen bin. Dort traf ich auf eine warme Gesellschaft von anderen Jugendlichen, die auch eine jüdische Identität mit sich trugen. Ich habe hebräisch Kurse genommen und konnte mich über Israel bei Sochnut (Jewish Agency for Israel) informieren und war in einem jüdischen Sommercamp. Plötzlich hat sich mein Kreis von anderen Juden von null bis fast auf unendlich vergrößert.

Die Entscheidung, als orthodoxe Jude zu leben, war keine plötzliche. Mit der Geburt meiner Tochter vor 16 Jahren stellten meine Frau und ich uns die Frage, welche Identität wir eigentlich selbst tragen und auch weitergeben wollen. Meine Frau ist in Taschkent in Usbekistan aufgewachsen, ich in der Ukraine, wir haben in Israel gelebt, jetzt leben wir in Deutschland. Wir fühlen uns nirgends richtig zugehörig – nicht gesellschaftlich, sondern ethnisch. Irgendwann habe ich angefangen, mich mit der jüdischen Geschichte, Philosophie und der jüdischen Identität auseinanderzusetzen. Mit jeden Tag wurde mehr und mehr klar, dass dieses kulturelle Stratum der jüdischen Tradition, Geschichte und Religion, das wir nicht sehen aber in uns tragen, immer da ist. Und das wollten wir unseren Kindern weitergeben. Etwas, auf das sie stolz sein können. Und etwas, das sie selbst später an ihre Kinder weitergeben können. Egal, wo sie leben werden. 

Wir hatten keine Probleme damit, in das „Land der Täter“ auszureisen, obwohl wir in der Familie Holocaust-Opfer hatten und Eliezer, der Bruder von meinem Großvater Boruch, im Sommer 1941 im Krieg gefallen war. Eine meiner Großtanten war Deutschlehrerin an der Universität, wir hatten die Briefe meiner Großeltern auf Jiddisch zu Hause. Es gab also eine gewisse Zuneigung zur deutschen Sprache. Das Feindbild aus dem Zweiten Weltkrieg wurde über Individuen aufgebaut und nicht das Land. Es waren Hitler, oder SS Soldaten, die für das Böse verantwortlich waren, nicht Deutschland als Ganzes.

Mir war meine Familie immer wichtig. Ich wollte immer in der Familie oder nicht weit weg von ihr sein. Und da meine Eltern nach Deutschland auswandern wollten, bin ich aus Israel zurück in die Ukraine gegangen und anschließend mit ihnen nach Deutschland gereist. Ich wollte studieren und das war in Deutschland viel einfacher.

Mein Großvater, der im Krieg gekämpft hat, hat das anders empfunden. Er wollte nie nach Deutschland gehen. Nichtdestotrotz darf man nicht vergessen, dass die Nazis in jedem Land Kollaborateure hatten.

Einige Juden hatten ein schlechtes Gewissen, nach Deutschland zu gehen. Aus heutiger Perspektive kann ich sagen, dass uns Gott vielleicht nur deswegen hierher geführt hat, um den vielen Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine fliehen, eine Gemeinde bieten und wirklich helfen zu können.

Als ich zum ersten Mal nach Israel kam, war das wie ein Paradies. Es war März, in Dnepro war noch alles grau, kalt und matschig und in Israel hatten wir einen Strand, die Sonne, und grüne Bäume. Und weil Israel als Land in den 1990er Jahren viel weiter entwickelt war als die ehemaligen Sowjet-Republiken, war es für mich wie aus der Vergangenheit in die Zukunft zu reisen.

Wenn man objektiv ist als Jude, sollte man nur nach Israel auswandern, da jedes andere Land in irgendwelche Pogrome involviert war oder die Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg mit Nazis kollaboriert und geholfen hat Juden umzubringen. Auf der anderen Seite gab es viele, die geholfen haben. In Israel gibt es den „Garten der Gerechten unter den Völkern“ – für die Menschen, die Juden gerettet haben. Sie stammen aus allen Ländern. Deswegen muss man den Staat vom Menschen trennen. Deswegen war Deutschland kein Tabu-Land für uns.

Unsere Gemeindemitglieder haben unterschiedliche Mentalitäten. Russischen Juden ticken anders als deutsche oder amerikanische Juden. Das Einzige, was uns verbindet, ist das Judentum und die Thora. Da sind wir uns alle einig.

Es ist nicht so, dass man sich versteckt. Aber wenn sich alle Gemeindemitglieder an einem Ort befinden, dann gibt es eine gewisse Gefährdung. Und an Tagen wie um den Ramadan oder den Unabhängigkeitstag werden die Verrückten aktiv. Wir Gemeindemitglieder bekommen das nicht mit, aber die Sicherheitsleute werden entsprechend gebrieft.

Pavel Lubarski wurde 1979 in der ehemaligen Sowjetunion geboren und ist in Dnipro in der Ukraine aufgewachsen. 1997 ist er nach Israel zum Studium gegangen, um einige Jahre später wieder in die Ukraine zurückzukehren. Im Herbst 2003 ist er mit seinen Eltern nach Deutschland ausgereist. In Magdeburg hat er Maschinenbau studiert, arbeitet bei Schaeffler und ist Mitglied der Kahal Adass Jisroel Gemeinde Berlin.