Mischpoche

Wikipedia: Mischpoke, auch Mischpoche, Meschpoke oder Muschpoke, ist ein auf das hebräische ([miʃpa'χa] ‚Familie‘) zurückgehender Jiddismus in der Bedeutung Familie, Gesellschaft, Sippschaft, der Anfang des 19. Jahrhunderts in der abwertenden Bedeutung Gesindel, Diebesbande in die deutsche Umgangssprache übernommen wurde. Während die Bezeichnung im Jiddischen wertneutral verwendet wird, hat das Wort im Deutschen häufig eine abwertende Bedeutung.

Being Jewish, however

Von Jan Zappner

Dieses Buch ist ein Outing meiner jüdischen Familiengeschichte. Im Laufe des vergangenen Jahres habe ich mit 29 Juden und Jüdinnen aus vier Generationen über ihr Verhältnis zu Deutschland gesprochen und darüber, was es ihnen bedeutet, Jude zu sein. Das waren die ersten Gespräche mit Juden über das Jüdischsein in meinem Leben und ich habe sie im Scherz als meine Therapiestunden bezeichnet, weil ich endlich meine Geschichte erzählen konnte. Bis zu diesen Gesprächen war meine Verbindung zu Juden auf eine Liste unserer Familie reduziert, die in Konzentrationslagern umgebracht wurde. Wir hatten keine jüdischen Freunde, lebten keine Traditionen, aber waren von vielen Nobelpreisträgern, berühmten Schauspielern und Intellektuellen umgeben, die irgendwie ja auch dazugehörten. Vor allem aber gab es keine Familiengeschichten, die weitergegeben wurden. Deshalb habe ich das Projekt auch Mischpoche genannt, Familie. 

Ich habe von meiner Mutter wahrscheinlich unbewusst gelernt, dass man in Deutschland nicht über diese Geschichte redet. Das waren aber auch die 1970er Jahre. Höchstwahrscheinlich wird sie mir hier widersprechen. Aber erst während des Studiums habe ich sehr zögerlich engen Freunden davon erzählt. Als ob ich mich dafür schämen müsste, sie damit zu belasten, als hätte ich ein dunkles Geheimnis. Und auch wenn alle zunächst erstaunt darüber waren, habe ich schöne Erinnerungen an diese Momente. Das Gefühl, ein generelles Geheimnis mit mir herumzutragen, blieb jedoch. 

Deshalb ist es auch ein Outing. 

Durch die langen Gespräche für Mischpoche wurde mir diese Last ein wenig von den Schultern genommen. Und die Gespräche haben die Leere, die ich mit dem Jüdischsein verbinde, auch gefüllt. Vor allem mit Geschichten und Gefühlen, die mir gefehlt haben. Manchmal habe ich krampfhaft versucht, Gemeinsamkeiten herauszufinden, um ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln zu können. „Sag doch bitte genauer, was es beutetet, Jude zu sein“, dachte ich. 

Aber neben den Nobelpreisträgern, dem Genuss am Widerspruch, dem Wunsch, die Welt ein wenig besser zu machen, dem Gefühl, ein besserer Jude sein zu können, mehrere Staatsangehörigkeiten zu besitzen, eine Migrationsgeschichte mitzubringen und vorsichtig zu sein, wo und mit wem man darüber spricht, mit Humor gesegnet zu sein und nie ganz aber doch überall dazugehört zu haben, neben den ganzen Klischees also, die irgendwie doch passen, gab es keine Gemeinsamkeiten. 

Jeder brachte seine individuelle Geschichte mit Zweifeln und Auseinandersetzungen mit. Mit sich, den anderen und den Deutschen. Assaf sagte, solange ich zweifle sei alles gut. Giselle befand, ich sei kein Jude. Michaella fand ihren Frieden mit sich in Berlin mit einem zusätzlichen portugiesischem Pass. Juden habe einen besonderen Sexappeal in Deutschland, meinten andere. Rafael fand einen verlorenen Vater und Bruder, Thomas gleich vier weitere Familien, Marcia weinte an der Klagemauer, Oliver hat es versucht. Alon kennt fast alle 613 Gesetze und hält die wenigsten ein, Roey Victoria ist fasziniert vom Tumtum aus dem Talmud und Sharon hat den Auftrag ihrer Eltern, glücklich zu werden. 

Im Buch ist nur ein kleiner Ausschnitt unserer Gespräche zu lesen, mehr ist online aufgeführt. Ich habe die Gespräche auf deutsch und englisch geführt und diese auch so belassen.

Ich hatte meine Aufs und Abs während des Projekts. Manchmal empfand ich meine Auseinandersetzung mit der jüdischen Identität oberflächlich und aufgesetzt und wollte in solchen Momenten niemanden befragen. Letztlich aber gewann immer die Neugier auf die Geschichten die Oberhand und darüber bin ich froh. Auf jeden Fall waren alle Beteiligten offen und verständnisvoll, als ob sie diese Frage schon ihr Leben lang begleitet. Ich lernte auch viel über mich, hatte absurde Gedanken und Blockaden. Jew konnte ich einfach sagen, Jude fiel mir schon viel schwerer. Holocaust ging immer und bei Auschwitz musste ich weinen. War es eine gute Idee, eine Liste mit Juden anzufertigen? Die Deutschen nutzte ich häufig, Mehrheitsgesellschaft weniger. Folgendes kam in den Gesprächen immer wieder zur Sprache: Andere Juden, Familie, Großvaterjuden, Großmütter, Jude als Beleidigung, Israel, Kippa tragen in Deutschland, Halle, der Zentralrat, die Halacha, Die Linken, Madame Sarah Halimi und natürlich Nazis.

Mischpoche ist ein Projekt motiviert durch meine jüdische Familie mütterlicherseits aus Tschechien. Ich mache es aber auch für meine Tochter Nil, damit sie einen befreiten Umgang mit ihrer Herkunft findet. Schon jetzt haben wir mehr Juden in unserem Freundeskreis, als in meinem Leben als Kind. Und das finde ich sehr schön, weil Mischpoche wichtig ist. Einen Projektnamen für meine deutsche Vaterseite habe ich zwar noch nicht im Kopf. Das ist aber offensichtlich der natürliche Gegenpol und wird mich noch beschäftigen.

Ich bin also ein Goj, ein Vierteljude, ein Großvaterjude. Also kein Jude. Aber irgendwie doch. However. Da ist so viel, was mich verbindet, und gleichzeitig so wenig Gemeinsamkeiten. Es ist zum verrückt werden. Ich bin nicht religiös und nicht traditionell. Ob ich im Lager gelandet wäre, weiß ich nicht. Ich fühle mich als Deutscher, Tscheche und Jude. Und bin doch nichts davon wirklich. Am Ende muss ich wohl selber zu einem Gefühl stehen: It’s complicated, ein Schlamassel.

Jan Zappner arbeitet als freier Fotograf für Magazine und Unternehmen. Seine Reportagen und Bildstrecken konzentrieren sich auf Menschen und ihre Lebensumstände. Er lebt in Berlin.

Über Generationen hinweg berührt

Von Lukas Welz

„Die Erfahrung des Anderen ist radikale Begegnung. Sie zeigt auf eine elementare Ebene der Zwischenmenschlichkeit, in der der Eine dem Anderen begegnet und sich selbst dieser Begegnung stellt, ausliefert, sich verletzlich macht und sich vom Anderen und dessen Verletzlichkeit und Schutzlosigkeit zutiefst berühren lässt“, schreibt der Philosoph und Überlebender der Shoah, Emmanuel Lévinas. 

Aus diesem Gedanken heraus ergibt sich als Konsequenz, dass, wenn wir dem Anderen und seinem Leid begegnet sind, unsere Schuldigkeit darin besteht, den Blick nicht abzuwenden, sondern den Anderen zu erkennen.

1700 Jahre jüdisches Leben in den Grenzen des heutigen Deutschlands, das sind siebzehn Jahrhunderte der Ausgrenzung. Jahrhunderte des Kampfes um Anerkennung, des jüdischen Widerstandes und der Selbstbehauptung für die freie Entfaltung eines Lebens als Jüdin*Jude. 

Jan Zappner porträtiert in seinem Bildband Menschen, die in unterschiedlicher Weise mit ihrem Jüdischsein das Leben in Deutschland gestalten. 

Es gelingt ihm, im Antlitz der Porträtierten deren Perspektiven zu zeigen, eben dem Anderen zu begegnen und zu erkennen. 

Die Portraits bieten somit nicht nur Einblicke, sondern schaffen eine Anerkennung der Lebensleistungen von Jüdinnen*Juden, ihrer Träume und Traumata, Erfahrungen, die über Generationen hinweg prägten. Denn trotz oft beschworener Vielfalt jüdischen Lebens im heutigen Deutschland werden Hass und Ausgrenzung im achten Jahrzehnt nach der Shoah weiter generationenübergreifend erfahren. Sie prägen den Alltag, die Einstellungen und Gefühle der Menschen. 

Auf die von Lévinas postulierte radikale Begegnung kann demnach nur die Anerkennung der Wünsche und Bedürfnisse des Anderen folgen, eine Reflexion eigener Voreingenommenheit, das Eintreten für jede Form der Lebensgestaltung und der Hinwendung zu den Menschen.

Lukas Welz ist Vorstandsvorsitzender vom AMCHA Deutschland. Seit 1988 unterstützt die Organisation die psychosoziale Hilfe für Überlebende der Shoah und ihrer Nachkommen.

Eindeutige Mehrdeutigkeiten

Von Alisa Gadas

Es könnte so einfach sein. Mischpoche, im hebräischen Mishpakha, bedeutet ganz einfach „Familie“, oder altertümlicher, „Stamm“. Man könnte das Wort auch mit Verwandtschaft oder Gemeinschaft übersetzen, im angelsächsischen Raum wird über „peoplehood“, also „Volkszugehörigkeit“ als Übersetzung nachgedacht. 

Doch im deutschen Duden (und zwar nur dort) findet sich der Zusatz: „Gebrauch: salopp abwertend“, sowie unter Punkt 2. Die Definition: „üble Gesellschaft, Gruppe von unangenehmen Leuten“. So weit, so deutsch. Diese abwertende Deutungsweise fand mit dem wachsenden modernen Antisemitismus im 19. Jahrhundert Einzug in die deutschen Wörterbücher und Lexika, und tauchte im Duden seit 1941 (Überraschung!) regelmäßig auf. 

Auch 80 Jahre später ist der abwertende Gebrauch des Wortes noch erstaunlich populär. Doch Ambivalenzen sind nichts, was Jüdinnen Juden in Deutschland nicht gewohnt wären, auszuhalten. Es wäre doch auch zu schade, dieses Wort den Antisemitinnen (denen des 19., 20. Und 21. Jahrhunderts) zu überlassen. Und Jüdinnen*Juden in Deutschland sind längst ganz selbstbewusst dabei, den Begriff in seiner positiven Bedeutung zurückzuerobern und zu prägen: Zum Beispiel als Titel einer Familienbiografie, wie bei Marica Zuckermann, oder auch als Motto der Maccabiade 2015: „Die ganze Mischpoke ist am Start“. 

Die Debatte, wer oder was nun eigentlich „Mischpoche“ ist, wird auch innerjüdisch geführt. Wie in den meisten guten Familien, ist es auch hier kompliziert. Es geht um Debatten über den religiösen Status von Vaterjüdinnen*juden, oder die Frage, wer sich wann und vor welcher Öffentlichkeit als jüdisch bezeichnen darf; es geht darum, was genau Jüdisch-Sein bedeutet, wie es sich ortsabhängig verändert, wie verschiedene Identitäten miteinander in Dialog treten. Und immer – in Deutschland mehr als überall sonst – spielt in diesen Überlegungen das Verhältnis zur Außenwelt, zur Mehrheitsgesellschaft eine wichtige Rolle. Letzthin stellt sich die Frage, welche Bedeutung der Shoah in dieser Identitätsfindung zukommt, und wie sich diese Gewichtung mit jeder neuen Generation verändert, wie sie zunehmend in den Hintergrund tritt und in Deutschland trotzdem immer vordergründig bleibt.

Diese Fragen, und noch einige mehr, hat Jan Zappner 29 Jüdinnen*Juden in Deutschland gestellt. Und hat mindestens hundert verschiedene Antworten erhalten. Sein Résumé: Wenig Eindeutiges, es bleibt kompliziert. Und das ist auch gut so.

Alisa Gadas ist Historikerin und Geschäftsführerin bei AMCHA Deutschland. Ihre Eltern kamen als jüdische Kontingentflüchtlinge Ende der 1990er Jahre nach Deutschland. 

Unsere Partner und Förderer

Mitwirkende

Herausgeber / Editor

Jan Zappner, AMCHA Deutschland e.V.

Autor*innen / Authors

Alisa Gadas, Lukas Welz, Jan Zappner

Design

studio lindhorst-emme+hinrichs, Berlin

Lektorat / Copy-editing

Andreas Lesti (Deutsch) Ralph Martin (Englisch)

Fotografie / Interviews

Jan Zappner

Bildbearbeitung

Gregor Fischer

Danksagungen

von Jan Zappner

Ich möchte mich vor allem bei allen Hauptpersonen dieses Buches für ihr Vertrauen und ihre Offenheit ganz herzlich bedanken. Ich war ein Unbekannter, dem sie ihre Türen und Herzen geöffnet haben. Außerdem hatten wir die Corona Pandemie, was ein persönliches Treffen zusätzlich schwieriger machte. Das weiß ich wirklich zu schätzen.

Ebenfalls bedanken möchte ich mich bei den Verantwortlichen des Vereins 321–2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland e.V., die dieses Projekt finanziell erst möglich gemacht haben. 

Und natürlich bin ich auch all den Personen dankbar, die mich über die ganze Zeit hinweg emotional, inhaltlich und kreativ unterstützt sowie inspiriert haben. Insbesondere meiner großen Liebe Prune Antoine als auch Guy Bollag, Guy Chazan, Gregor Fischer, Alisa Gadas, Hannah Goldstein, David de Jong, Franka Kühn, Nadine Klück, Andreas Lesti, Tanya Lyubarsky, Ralph Martin, Gerben van der Marel, Jan Michalko, Christa Meyer-Prochnow, Yael Reuveny, Gilles Roudiere, Jarmila Šourková, Joshua Spinner, Lukas Welz, Yana Wernicke, Peter Wollring und Nike Wilhelms.